Werner, wie lange kennst Du Evelyn Richter schon?

Ich habe sie noch vor meinem Studium zum ersten Mal getroffen. Die Leipziger Professoren hatten mir empfohlen, Kontakt mit „Frau Richter“ aufzunehmen; sie könne mich auf die Eignungsprüfung vorbereiten. Sie gaben mir ihre Adresse, Evelyn hat damals noch am Leipziger Hauptbahnhof gewohnt. Ich hatte eine Dokumentation über ein besetztes Haus und deren Bewohner gemacht. Die »Villa Marie«, mein erstes fotografisches Projekt. Diese Serie legte ich ihr damals vor.

Hast Du dann auch bei ihr studiert?

Nein, nicht direkt. Ich habe sie sehr oft besucht und ihr Arbeiten gezeigt. Es war schon eine Art Lehrer-Schüler-Verhältnis. Evelyn hat mich vor vielen Jahren auch als einen ihrer Schüler bezeichnet. Wir haben uns lange gesiezt, doch dann entwickelte sich eine vertraute Freundschaft mit ihr und meiner Familie, ein enges Verhältnis mit vielen Erlebnissen.

Gab es einen Austausch untereinander?

Ja, sicher. Es ging dabei gar nicht so viel um Fotografie, vielmehr um bildende Kunst, Musik, um Zeitgeschichte, Politjk, Film… Die Ideen sprangen hin und her.

Hat Evelyn Richter ihre Aufnahmen selbst ausgearbeitet?

Sie hat natürlich alles gekonnt, da sie bei Pan Walter Fotograf gelernt hatte, aber wenn ich mich recht erinnere, hatte sie schon früh eine Laborantin. Auch Studenten haben für sie vergrößert. Ich selber habe ihr ein paar Mal assistiert, für Schallplattencover, ihren Broterwerb. Evelyn, im Labor arbeitend – das hab ich direkt nie erlebt.

Bei ihren Abzügen fallen die “schwarzen Rahmen“ auf. Kannst Du dazu etwas sagen?

Ja, das ist typisch für sie gewesen, war für die ganze Zeit typisch. Da wurde viel diskutiert, wie man als Fotograf seine Autorschaft in der Presse durchsetzt, sich gegen einen nachträglichen Beschnitt wehrt.  Die Sache mit dem schwarzen Rahmen findet man schon bei Cartier-Bresson. Das Bild ist das Bild und ist nicht vom Herausgeber manipuliert worden – darum ging es.

Wie und wann wurden die Filme eigentlich gefunden ?

Evelyn hatte vor fünf Jahren einen Schlaganfall. Darauf hin musste bei ihr umgeräumt, aufgeräumt werden. Im Kühlschrank lagen Filme, unbelichtete und belichtete, auch in der Wohnung an ganz vielen verschiedenen Stellen insgesamt 72 Stück. Ihr Bruder hat sie mir gegeben mit der Frage, ob ich sie noch verwenden könne. Mir war schnell klar, dass die Filme schon belichtet sein müssen, da die Lasche umgeknickt war. Ein Glücksfall!

Wie bist Du dann vorgegangen?

Ich habe die Filme zuerst entwickelt und Kontaktkopien gemacht. Da waren schon Überraschungen dabei. Louise Bourgeois in New York beispielsweise, echte Entdeckungen. Die Bilder ermöglichten es mir, mit Evelyn über ihre Arbeiten zu sprechen. Dass man nicht bloß über Krankheit spricht, im Pflegeheim, sondern positive Energie hineinbringt! Ich habe für Evelyn dann extra große Kontakte angefertigt und sie ihr gezeigt. Sie hat angekreuzt, was sie für wichtig hält. Manchmal habe ich auch die Kontakte und einen Bleistift bei ihr liegen gelassen, damit sie die Fotos noch mal in Ruhe ansehen kann.

Dann hat Evelyn Richter die Auswahl unter den Bildern getroffen?

Ja. Evelyn konnte sich – mit Einschränkungen – über die Fotos auch an die jeweiligen Reisen, an die Erlebnisse der vergangenen Jahre erinnern. Die Kommunikation miteinander war mein erster Gedanke. Die Ausstellung, das Buch, dies alles das kam viel später.

Wie lief es dann mit der Erstellung der Abzüge ab?

Es ging ja gar nicht anders, Evelyn konnte nicht selber in die Dunkelkammer gehen. Sie war aber vertraut damit, dass andere ihre Fotografien ausarbeiten. Ich hab ihr die fertigen Bilder gezeigt und gefragt, ob sie heller oder dunkler sein sollen und ähnliches. Evelyn versucht immer, eine größere Härte in die Bilder reinzukriegen, so dass die Aufnahmen grafischer werden. Sie hat mir dann Tipps gegeben, die ich befolgt habe, so dass es nicht nur meine, sondern auch ihre Vergrößerungen sind.

Hat Evelyn Richter eigentlich je digital fotografiert?

Nein. Sie besitzt keine Digitalkamera. Sie war aber ganz neugierig darauf, und so hab ich ihr einen digitalen Arbeitsplatz eingerichtet, mit Scanner, um alte Negative einzuscannen und zu bearbeiten. Sie hat ihn dann durch die Erkrankung nicht genutzt, aber sie ist immer noch neugierig. So ein iPad hätt ich auch gerne!, hat sie mir letztens erst gesagt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Interview und Foto: Thomas Bachler.

 



Von der Latenz der Bilder – Fotografien von Evelyn Richter. 
Ausstellungsraum bautzner69, Bautzner Str. 69, 01099 Dresden. Dauer: 20. 01. – 24. 03. 2018, Do. – Sa. 16-19 Uhr
Ein Buch mit gleichnamigen Titel ist im hesperus print* Verlag erschienen.

Werner Lieberknecht, geboren 1961,  ist Fotograf und wohnt in Dresden. Er beschäftigt sich mit dem Themenfeldern Portrait, Architektur und Interieur. Zahlreiche Ausstellungen und Publikationen in In- und Ausland. Er ist maßgebend am Zustandekommen der Ausstellung beteiligt. Werner ist Jurymitglied bei PORTRAITS – HELLERAU PHOTOGRAPHY AWARD.

Januar 30, 2018