Wie bekommt man das hin, diesen scheinbaren Widerspruch fotografisch festzuhalten: Dynamik im Stillstand…

Autoren, Rezensenten, Redakteure kennen das Problem. Man ist begeistert von einer Ballett- oder Tanzaufführung, man hat versucht in einem Text dies zu vermitteln, zu beschreiben, was man erlebt hat, wie diese Kunst ohne Worte eine Wolke von Assoziationen, Erinnerungen, Hoffnungen und Erkenntnissen in Bewegung gebracht hat. Und dann beginnt die Qual der Wahl. Welches Foto passt? Weil es ja schon beim Schreiben eine enorme Anforderung bedeutet: das Festhalten eines Augenblickes, dem im besten Falle die Dynamik eigen sein muss, die einen oder mehrere Tänzerinnen oder Tänzer dahin geführt hat. Wie bekommt man das hin, diesen scheinbaren Widerspruch fotografisch festzuhalten: Dynamik im Stillstand…

Und doch gelingt es Fotografinnen oder Fotografen immer wieder, jenen Moment einer Tanzvariation oder einer Gruppenbewegung festzuhalten, denen genau jene Kraft innewohnt, die der Besonderheit dieser Kunst sehr nahe kommt. Immer stärker macht seit einiger Zeit die Leipziger Fotografin Ida Zenna in diesem Zusammenhang auf sich aufmerksam. Ob es damit zu tun hat, dass sie selbst als Tänzerin mit diesem vergänglichsten aller Medien der darstellenden Kunst vertraut ist? Zenna, seit fast fünf Jahren Hausfotografin beim Leipziger Ballett und darüber hinaus weithin gefragt, kommt aus Neapel. Hier entdeckte sie schon bald ihre Freude an der Bewegung, bald auch daran, diese zu gestalten, ihr Formen zu geben, also zu tanzen. Und wie üblich in Italien, probierte sie zunächst auf einer privaten Schule, ob es lohnt, diesen Weg mit allen seinen Unsicherheiten zu gehen. Die Voraussetzungen stimmten. Ida Zenna erwarb an der Academie Princesse Grace in Montecarlo ihr Diplom als professionelle Balletttänzerin. Immerhin an dieser regelrechten Kaderschmiede von Marika Besobrasova, einer der berühmtesten Ballettlehrerinnen in Europa, die 2010 im Alter von 92 Jahren starb.

Das Abitur – für den Vater Bedingung überhaupt, sich als Tänzerin ausbilden zu lassen – hatte Ida Zenna in Neapel abgelegt. Nun stand für sie die Frage, ob es denn möglich wäre, vom Tanz zu leben. Zudem meldeten sich andere Interessen. Sollte sie nicht doch Architektur studieren, Bühnenbilder entwerfen? Vielleicht beginnt hier, was sich heute beim Fotografieren des Tanzes auszahlt: der genaue Blick für die Dimensionen eines Raumes und das optische Abwägen im Hinblick auf konkrete Auswahl dessen, was am Ende den Blick der Betrachter anzieht und dennoch das Ganze nicht vernachlässigt. Und vielleicht ist es doch gut gewesen, dass es die Tänzerin Ida Zenna gab, in München, im Ballett des Staatstheaters am Gärtnerplatz, unter der genialen Leitung von Philip Taylor, der es vermochte, das Repertoire zu erweitern, vor allem durch moderne Stile, oder zuvor in der kleineren Kompanie am Theater in St. Gallen, wo der Tanz ohnehin durch alle Stile führt. In ihrer Zeit als Tänzerin war es Ida Zenna wichtig immer die Balance zu halten zwischen Körper und Seele, zu vermeiden, den Körper zum puren Werkzeug werden zu lassen, maschinell, und somit seelenlos zu tanzen.

Aber eigentlich hatte sie schon lange mit der Fotografie geliebäugelt. Schon als Kind kam sie damit in Berührung, denn der Großvater liebte es, als Hobbyfotograf mit diesem Medium zu experimentieren. Und so sollte es dann auch der nächste Schritt sein in der beruflichen Entwicklung. Welch schöner Zufall: am Gärtnerplatztheater wurde ein Fotograf gesucht. Die Tänzerin Ida Zenna begab sich auf einen neuen Weg, den sie bis heute konsequent geht.

Große Herausforderungen zu Beginn: Arbeiten für The Royal Ballet of Flanders in Antwerpen. Ihr Entschluss war gefasst: es ist Zeit für eine Veränderung! Die Tänzerin beendete ihre Karriere 2006, fotografierte von nun an ehemalige Kolleginnen und Kollegen. Die inhaltliche Vorbereitung, selbst wenn sie Stücke und Choreografien kennt, nimmt sie ernst. Sie sieht bei vielen Proben zu und weiß, wann eine Pause nötig ist, um der Spontaneität nicht zu schaden. Die ist sehr wichtig für das Ergebnis: es sollte sich den Betrachtenden eben genau jener erste Blick vermitteln, von dem sich im besten Falle eben weitere Assoziationen zur Choreografie ergeben. Und wenn dann die Zusammenarbeit mit einem Choreografen wie Mario Schröder in Leipzig so konstruktiv ist, dann ist dies ein Glücksfall.

Schröders Kreationen sind ja immer große Raumerlebnisse. Diese Grundstimmung in spannende Korrespondenzen zu einzelnen Tänzerinnen, Tänzern oder ganzen Gruppen zu setzen, das sind unbeschreibliche Momente für die Fotografin, da spricht sie von Adrenalinschüben, von Situationen totaler Wachsamkeit und Momenten, in denen sie wie unter Strom steht. Dann spürt sie auch, dass es ja immer noch diese unbändige Leidenschaft für den Tanz ist, nur dass sie sich dieser jetzt mit anderen Mitteln aussetzt.

Zudem muss sie auch jedem der vielen Stile im Ballett und im Tanz gerecht werden. Die klassischen Choreografien sollte dann im Bild alles andere als altbacken wirken. Hier zählt moderne Bildästhetik ebenso wie in den festgehaltenen Momenten zeitgenössischer Kreationen. Und immer, das ist der Anspruch, sollten die Menschen, die Künstler, präsent sein, sollten Aspekte ihrer Persönlichkeiten aufleuchten. Um diesen Ansprüchen nahe zu kommen, hat Ida Zenna mit Tänzerinnen und Tänzern des Leipziger Balletts eine Serie erarbeitet. Porträts in magischen Momenten, jeweils immer 30 Sekunden nach dem Auftritt.

Die Ergebnisse sind so berührend wie erheiternd, vor allem authentisch, im besten Falle werden Gesichter zu Spiegeln der Seele. Die Serie »LEIPZ-ICH« fügt Tänzerinnen und Tänzer aus der Choreografie »Pax« auf sehr raffinierte Weise in Leipziger Orte, so entstehen bewegte Landschaften der Stadtarchitektur, das Leipziger Ballett in Leipzig. Für Ida Zenna verbinden sich immer stärker die tänzerischen Bewegungen mit denen der persönlichen Kommunikation, das wiederum fällt ihr auch auf, wenn zu beobachten ist, wie der Tanz immer mehr junges Publikum anspricht. Sie sieht es da als eine Aufgabe, ob es sich um Arbeiten an großen oder kleineren Theatern handelt, in der freien Szene oder wie derzeit auch an der Hochschule für Tanz in Dresden, diese Kunst eben auch außerhalb von Aufführungen in öffentliche Kontexte zu stellen. Und so wie sich im Ballett, im Tanz und neuerdings auch im Musiktheater für Ida Zenna die Horizonte immer wieder verändern, wie Erfahrungen verschmelzen und neue Herausforderungen da sind, wie etwa die Teilnahme am PORTRAITS – Hellerau Photography Award 2016, bei dem sie zu den Finalistinnen gehörte, so heißt eine aktuelle Ausstellung in der Dresdner Galerie im Kastenmeiers mit Arbeiten von Ida Zenna, »Verschmelzung«.

»Verschmelzung«. Galerie im Kastenmeiers im Kurländer Palais. 16. Juni bis 02. August, 14.00 Uhr bis 17.00 Uhr. Vernissage mit Sektempfang am 25. Juni 2017 von 12 bis 14 Uhr.

Boris Gruhl

FOTO: IDA ZENNA

Juni 15, 2017